Orlistat 60 und 120 mg: Wirkung und wann ein Rezept nötig ist
Orlistat ist ein Wirkstoff zur Gewichtsreduktion, der im Verdauungstrakt wirkt: Er hemmt die Enzyme, die Nahrungsfett spalten, sodass ein Teil des Fetts unverdaut ausgeschieden wird. In der Stärke 60 mg ist er ohne Rezept in der Apotheke erhältlich, in der Stärke 120 mg nur auf ärztliche Verschreibung. Diese Seite fasst Einnahme, Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen nach den beiden Fachinformationen zusammen.
Wie Orlistat wirkt
Orlistat gehört zu den peripher wirkenden Mitteln gegen Adipositas. Es bindet im Magen und im oberen Dünndarm an die Lipasen, also an die Enzyme, die Nahrungsfette in aufnehmbare Bestandteile spalten. Ist das Enzym blockiert, bleibt ein Teil des Fetts unverdaut und wird mit dem Stuhl ausgeschieden. Die Gebrauchsinformation beschreibt das für 120 mg als etwa ein Drittel, für 60 mg als etwa ein Viertel des Fetts aus den Mahlzeiten.
Laut Fachinformation steigt die Fettausscheidung im Stuhl 24 bis 48 Stunden nach der Einnahme an; nach dem Absetzen erreicht sie meist nach 48 bis 72 Stunden wieder die Ausgangswerte. Für die Einnahme nennt die Fachinformation zwei praktische Regeln: Fällt eine Hauptmahlzeit aus oder enthält sie kein Fett, entfällt die Kapsel, und sehr fettreiches Essen macht Magen-Darm-Nebenwirkungen wahrscheinlicher.
Zwei Stärken, zwei Regeln für das Rezept
Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung führt Orlistat als verschreibungspflichtig, nimmt aber Arzneimittel zum Einnehmen mit höchstens 60 mg je Kapsel und höchstens 180 mg am Tag davon aus. Orlistat 120 mg ist der Wirkstoff des Originalpräparats Xenical; die rezeptfreien 60-mg-Kapseln sind in der EU als alli zugelassen. Für Deutschland ergibt sich daraus diese Aufteilung:
- Orlistat 60 mg: ohne Rezept, aber nur in der Apotheke; zugelassen für Erwachsene ab 18 Jahren mit einem BMI ab 28, zusammen mit leicht kalorienreduzierter, fettreduzierter Ernährung.
- Orlistat 120 mg: verschreibungspflichtig; zugelassen bei einem BMI ab 30 oder ab 28 mit begleitenden Risikofaktoren, zusammen mit leicht kalorienreduzierter Kost.
- Für die 60-mg-Kapseln brauchen Sie keine ärztliche Bewertung über unseren Fragebogen; die Beratung übernimmt die Apotheke.
Einnahme laut Fachinformation
Beide Stärken werden auf dieselbe Weise eingenommen, unterscheiden sich aber bei Dauer und Kontrolle. Die Tabelle gibt die Angaben der beiden Fachinformationen wieder.
Bei Orlistat 120 mg ist die 12-Wochen-Regel zentral: Hat jemand bis dahin nicht mindestens 5 % des Ausgangsgewichts verloren, wird die Behandlung beendet. In fünf zweijährigen Studien mit kalorienreduzierter Kost, deren Daten die Fachinformation zusammenfasst, hatten nach 12 Wochen 37 % der mit Orlistat und 19 % der mit Placebo Behandelten dieses Ziel erreicht. Von denen, die es verfehlt hatten, verloren bis zum Ende des ersten Jahres nur 5 % unter Orlistat und 2 % unter Placebo noch mindestens 10 % ihres Ausgangsgewichts.
| Punkt | 60 mg (ohne Rezept) | 120 mg (verschreibungspflichtig) |
|---|---|---|
| Dosis | 1 Kapsel zu jeder Hauptmahlzeit, höchstens 3 Kapseln in 24 Stunden | 1 Kapsel zu jeder Hauptmahlzeit; mehr als 3 täglich ohne zusätzlichen Nutzen |
| Zeitpunkt | unmittelbar vor, während oder bis zu 1 Stunde nach der Mahlzeit, mit Wasser | unmittelbar vor, während oder bis zu 1 Stunde nach der Mahlzeit, mit Wasser |
| Mahlzeit ohne Fett oder ausgelassen | Kapsel weglassen | Kapsel weglassen |
| Ernährung | leicht kalorienreduziert, etwa 30 % der Kalorien aus Fett, auf 3 Hauptmahlzeiten verteilt | leicht kalorienreduziert, etwa 30 % der Kalorien aus Fett, reich an Obst und Gemüse |
| Dauer und Kontrolle | höchstens 6 Monate; ohne Gewichtsabnahme nach 12 Wochen Arzt oder Apotheker fragen | Abbruch nach 12 Wochen bei weniger als 5 % Gewichtsverlust |
| Vitamine | Multivitaminpräparat vor dem Schlafengehen | Multivitaminpräparat kann erwogen werden, mindestens 2 Stunden nach Orlistat oder vor dem Schlafengehen |
Nebenwirkungen
Die Nebenwirkungen betreffen vor allem den Verdauungstrakt und ergeben sich direkt aus der Wirkung. In beiden Fachinformationen als sehr häufig genannt sind ölige Flecken am After, Blähungen mit Stuhlabgang, Stuhldrang, fettiger oder öliger Stuhl und der Abgang öligen Sekrets. Für 120 mg kommen unter anderem Kopfschmerzen und Bauchschmerzen hinzu; Stuhlinkontinenz ist bei beiden Stärken häufig. Die Beschwerden treten meist in den ersten drei Monaten auf und werden mit fettärmerer Ernährung und längerer Anwendung seltener.
Ernst zu nehmen sind außerdem Nebenwirkungen, die nach der Markteinführung gemeldet wurden: Leberentzündungen, Gallensteine, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Divertikulitis, Blutungen aus dem Enddarm und eine Oxalat-Nephropathie, die zu Nierenversagen führen kann; ihre Häufigkeit ist nicht bekannt. Als Warnzeichen einer Leberentzündung nennt die Gebrauchsinformation für 120 mg eine gelbliche Verfärbung von Haut und Augen, Juckreiz, dunklen Urin und Schmerzen unterhalb des Brustkorbs auf der rechten Seite; dann wird die Einnahme beendet und der Arzt informiert. Schwere oder anhaltende Blutungen aus dem Enddarm müssen ärztlich untersucht werden.
Gegenanzeigen
Die Gegenanzeigen sind für die beiden Stärken nicht identisch:
- Beide Stärken: Überempfindlichkeit gegen Orlistat oder einen sonstigen Bestandteil, chronisches Malabsorptionssyndrom, Cholestase und Stillzeit.
- Zusätzlich bei 60 mg: Schwangerschaft sowie die gleichzeitige Behandlung mit Ciclosporin oder mit Warfarin und anderen Antikoagulanzien zum Einnehmen.
- Bei 120 mg: Ciclosporin wird nicht empfohlen, unter Antikoagulanzien sind die Gerinnungswerte zu überwachen, und in der Schwangerschaft ist Vorsicht geboten; die Gebrauchsinformation hält die Einnahme in der Schwangerschaft für nicht ratsam.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Orlistat kann im Darm die Aufnahme anderer Arzneimittel und Nährstoffe verändern. Die Fachinformationen nennen vor allem diese Kombinationen:
- Ciclosporin: Der Blutspiegel kann sinken; bei 120 mg nicht empfohlen, bei 60 mg kontraindiziert.
- Warfarin und andere Antikoagulanzien zum Einnehmen: Die INR-Werte können sich verändern; bei 120 mg werden sie überwacht, bei 60 mg ist die Kombination kontraindiziert.
- Levothyroxin: Eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine schlechtere Einstellung ist möglich; die Einnahmezeiten müssen unter Umständen getrennt und die Dosis angepasst werden.
- Antiepileptika wie Valproinsäure oder Lamotrigin: Krampfanfälle wurden berichtet, ein Zusammenhang ist nicht ausgeschlossen.
- Arzneimittel gegen HIV: Ihre Aufnahme und Wirksamkeit können abnehmen.
- Antidepressiva, Antipsychotika einschließlich Lithium und Benzodiazepine: Einzelfälle verringerter Wirksamkeit bei zuvor gut eingestellten Patienten.
- Amiodaron: Die Plasmakonzentration kann leicht sinken; eine engere Überwachung ist angezeigt.
- Acarbose: Die gleichzeitige Anwendung soll vermieden werden.
Bei Diabetes, Bluthochdruck und Nierenerkrankungen
Wer Arzneimittel gegen Diabetes einnimmt, sollte die Behandlung mit Orlistat ärztlich begleiten lassen. Mit dem Gewicht kann sich die Stoffwechsellage bessern, sodass die Dosis des Antidiabetikums gegebenenfalls angepasst werden muss. In den klinischen Studien war die Gewichtsabnahme bei Menschen mit Typ-2-Diabetes geringer als bei Menschen ohne Diabetes, und Unterzuckerungen wurden bei Typ-2-Diabetikern unter 120 mg sehr häufig berichtet. Ob die Dosis von Blutdruck- und Cholesterinsenkern nach einer Gewichtsabnahme angepasst werden muss, sollte ebenfalls ärztlich geprüft werden.
Bei einer chronischen Nierenerkrankung oder bei Flüssigkeitsmangel ist das Risiko einer Oxalat-Nephropathie erhöht. Die Wirkung von Orlistat bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion ist für 120 mg nicht untersucht.
Was kostet das?
Gesetzlich Versicherte bezahlen Orlistat in der Apotheke selbst. Die 60-mg-Kapseln sind rezeptfrei und damit für Erwachsene grundsätzlich nicht erstattungsfähig; Orlistat 120 mg dient der Gewichtsregulierung und fällt unter den Ausschluss in § 34 Abs. 1 SGB V. Den Preis nennt die Apotheke. Für die ärztliche Bewertung bei Orlistat 120 mg fällt eine eigene Gebühr an; wie hoch sie ist und wann sie erstattet wird, steht auf der Seite zur Adipositas-Behandlung.
Ärztliche Bewertung für Orlistat 120 mg
Für Orlistat 120 mg ist eine ärztliche Verschreibung nötig. Ihre Angaben im medizinischen Fragebogen und Ihre Unterlagen bewertet der Arzt Damian Wojno (polnische Approbation, Nr. 3211301). Fehlen Angaben, kann er Unterlagen nachfordern; er kann eine Verschreibung auch ablehnen oder eine Untersuchung in einer Praxis vor Ort empfehlen. Sie erhalten die ärztliche Verschreibung als PDF per E-Mail. Über die Abgabe entscheidet die Apotheke.
Der Fragebogen ersetzt keine Untersuchung. Neue oder ungeklärte Beschwerden, Blutungen aus dem Enddarm oder Zeichen einer Leberentzündung gehören in eine Praxis vor Ort; ist die Praxis geschlossen, erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117, bei Lebensgefahr wählen Sie 112. Welche weiteren Mittel es gibt, zeigt die Übersicht zu Abnehmtabletten; die Unterschiede der Spritzen beschreibt der Vergleich der GLP-1-Präparate.
Ist Orlistat rezeptfrei?
Teilweise. Orlistat 60 mg gibt es ohne Rezept, aber nur in der Apotheke, weil die Arzneimittelverschreibungsverordnung Orlistat zum Einnehmen bis 60 mg je Kapsel und 180 mg am Tag von der Rezeptpflicht ausnimmt. Orlistat 120 mg ist verschreibungspflichtig.
Wer bekommt Orlistat 120 mg verschrieben?
Laut Fachinformation kommt es für Erwachsene mit einem BMI ab 30 oder ab 28 mit begleitenden Risikofaktoren infrage, immer zusammen mit leicht kalorienreduzierter Kost. Ob eine Verschreibung vertretbar ist, entscheidet der Arzt nach Gegenanzeigen, Vorerkrankungen und den übrigen Arzneimitteln; ein Anspruch darauf besteht nicht.
Wann sollte man Orlistat absetzen?
Bei 120 mg nach 12 Wochen, wenn bis dahin nicht mindestens 5 % des Ausgangsgewichts verloren wurden. Bei 60 mg dauert die Behandlung höchstens 6 Monate, und ohne Gewichtsabnahme nach 12 Wochen ist ein Gespräch mit Arzt oder Apotheker angezeigt. Bei Zeichen einer Leberentzündung wird die Einnahme in jedem Fall beendet und ärztlicher Rat eingeholt.
Kann man Orlistat mit der Pille einnehmen?
Eine direkte Wechselwirkung mit oralen Verhütungsmitteln wurde in speziellen Studien nicht gefunden. Bei schwerem Durchfall kann die Pille aber weniger zuverlässig wirken, und es gab Einzelfälle unerwarteter Schwangerschaften; die Fachinformation empfiehlt dann eine zusätzliche Verhütungsmethode.
Darf man bei Orlistat Alkohol trinken?
Eine Wechselwirkung zwischen Orlistat und Alkohol wurde in den Studien zu Wechselwirkungen nicht beobachtet. Die Gebrauchsinformation zu 120 mg weist aber darauf hin, dass zusätzliche Fett- und Kalorienzufuhr den Gewichtsverlust schmälern kann, und fettreiche Speisen machen die typischen Nebenwirkungen wahrscheinlicher.
Warum soll man zu Orlistat Vitamine einnehmen?
Orlistat kann die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K verringern. Für 60 mg empfiehlt die Fachinformation ein Multivitaminpräparat vor dem Schlafengehen; bei 120 mg kann es erwogen werden und wird dann mindestens zwei Stunden nach Orlistat oder vor dem Schlafengehen eingenommen.
Was tun, wenn man eine Einnahme vergessen hat?
Bei Orlistat 120 mg holen Sie die Kapsel laut Gebrauchsinformation nur nach, wenn Ihnen das Versäumnis spätestens eine Stunde nach der Mahlzeit auffällt; danach geht es zu den üblichen Zeiten weiter, ohne zusätzliche Dosis. Wer die Einnahme mehrfach vergessen hat, informiert den behandelnden Arzt.
- Produktinformation Xenical 120 mg (Orlistat), Fach- und Gebrauchsinformation (EMA, deutsch)
- Produktinformation alli 60 mg (Orlistat), Fach- und Gebrauchsinformation (EMA, deutsch)
- AMVV Anlage 1, Eintrag Orlistat (gesetze-im-internet.de)
- § 34 SGB V, Ausgeschlossene Arznei-, Heil- und Hilfsmittel (gesetze-im-internet.de)